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Lagebrief

Ratgeber

Warum Falschmeldungen nachts am schnellsten laufen

Nachts sind Redaktionen dünn besetzt und Behörden nicht erreichbar. Eine falsche Meldung steht dann stundenlang unwidersprochen. Was dann hilft, und was nicht.

Quellen4

Darauf stützt sich dieser Artikel. Alle mit Namen und Verweis unter dem Text.

Du wachst auf, checkst das Handy. Über Nacht hat sich eine beunruhigende Meldung verbreitet. Am Vormittag stellt sie sich als falsch heraus, oder zumindest als stark übertrieben. Kein Zufall. Das passiert nachts systematisch häufiger als tagsüber, aus mehreren Gründen, die sich gegenseitig verstärken, nicht aus einem einzelnen.

Wer nachts nicht arbeitet

Tagsüber sind Nachrichtenredaktionen und Faktencheck-Teams voll besetzt. Nachts fahren die meisten ihre Besetzung herunter, manche Prüfstellen laufen über Nacht gar nicht. Eine Meldung, die nachts auftaucht, trifft auf weniger Menschen, die sie in Echtzeit einordnen könnten. Die erste Version bleibt länger unwidersprochen stehen, einfach weil niemand da ist, der widerspricht.

Dasselbe gilt für offizielle Stellen. Eine Anfrage an eine Behörde oder Pressestelle, tagsüber binnen einer Stunde beantwortet, bleibt nachts bis zum nächsten Morgen offen. Pressesprecherinnen und Pressesprecher haben Feierabend, wie jeder andere Beruf auch. Das wird bei Anfragen an Behörden gern vergessen.

Die Uhrzeit allein erklärt also nicht alles. Die Verkettung mehrerer Lücken macht den Unterschied.

Vier Glieder der Prüfkette, jeweils nachts und ab dem Morgen. Redaktionen und Faktencheck: nachts Besetzung heruntergefahren, manche Prüfstellen ganz aus, ab dem Morgen voll besetzt. Behörden und Pressestellen: nachts nicht erreichbar, ab dem Morgen ist eine Anfrage oft binnen einer Stunde beantwortet. Das wache Umfeld: nachts fehlt es fast vollständig, ab dem Morgen fragt es nach, bevor etwas weiterläuft. Die Meldung selbst: nachts läuft sie über Stunden unwidersprochen weiter, ab dem Morgen wird sie eingeordnet, oft binnen Minuten.

Was nachts in der Prüfkette fehlt, und was am Morgen zurückkommt.

Zeitzonen machen es nicht einfacher

Die Ukraine liegt eine Stunde vor Deutschland, der Iran anderthalb. Nachts ist dort also auch nachts. Der Zeitunterschied, der wirklich zählt, liegt woanders: Ein großer Teil der internationalen Kriegsberichterstattung läuft über US-amerikanische Agenturen und Sender, deren Redaktionen nach US-Zeit arbeiten. Ist in Deutschland tiefste Nacht, beginnt in New York oder Washington gerade der Arbeitstag. Bis eine Meldung durch eine internationale Redaktion geprüft und eingeordnet ist, ist in Deutschland oft schon wieder Vormittag.

Müdigkeit ist auch ein Faktor

Nicht nur die professionelle Prüfung fehlt nachts. Auch die eigene Fähigkeit, kritisch zu bleiben, ist schwächer, durch Müdigkeit, durch die Stille, durch das Gefühl, mit einer beunruhigenden Nachricht allein zu sein. Was tagsüber vielleicht hinterfragt würde, wird nachts eher ungeprüft weitergeleitet. Gerade wenn es um einen Ort geht, der wichtig ist.

Warum Wachbleiben nicht die Lösung ist

Naheliegender Gedanke: dann eben selbst nachts wachsam bleiben, die Quellen genauer prüfen. Klingt vernünftig, funktioniert in der Praxis kaum. Müdigkeit lässt sich nicht durch Willenskraft ausgleichen. Wer nachts wach ist, weil eine Sorge ihn wachhält, ist selten in der Verfassung, eine Quelle sauber zu prüfen. Die bessere Strategie: nachts weniger bewerten, mehr warten.

Ein wacher Freundeskreis in derselben Zeitzone fehlt ebenfalls. Tagsüber prüft oft jemand aus dem Umfeld eine Meldung kurz nach, bevor sie weitergeschickt wird. Nachts fehlt dieser stille Kontrollmechanismus fast vollständig.

Falsches verbreitet sich ohnehin schneller

Dazu kommt ein Effekt, der nichts mit Uhrzeit zu tun hat, sondern mit der Natur von Falschmeldungen selbst. Forscher am MIT werteten alle Falsch- und Richtigmeldungen aus, die zwischen 2006 und 2017 auf Twitter kursierten und von unabhängigen Faktencheck-Stellen geprüft worden waren. Ergebnis, veröffentlicht 2018 im Fachmagazin Science: Falschmeldungen verbreiteten sich in praktisch jeder Kategorie weiter, schneller und tiefer als wahre Nachrichten. Vermuteter Grund: nicht Bots, sondern Menschen. Falschmeldungen sind oft überraschender, emotionaler, teilenswerter.

Diesen Effekt gibt es rund um die Uhr. Nachts kommt er ungebremst zur Wirkung, weil die Gegenkräfte fehlen, die ihn tagsüber ausbremsen: besetzte Redaktionen, erreichbare Behörden, ein waches Umfeld, das nachfragt. Tagsüber setzen diese Kräfte einer Falschmeldung meist innerhalb von Minuten etwas entgegen. Nachts fällt dieser Widerstand über Stunden komplett weg.

Wer selbst betroffen ist, merkt das oft erst am Morgen, wenn die Aufregung der Nacht im Tageslicht seltsam übertrieben wirkt.

Der Screenshot ohne Herkunft

Ein weiterer Effekt, den man nachts besonders oft sieht: Ein Original-Beitrag wird als Screenshot weitergereicht, ohne Link, ohne Account-Namen, manchmal ohne Datum. Tagsüber lässt sich so etwas meist schnell zurückverfolgen, jemand in der Redaktion, in der Familiengruppe, im Kollegenkreis erkennt die Quelle oder findet sie in ein, zwei Minuten. Nachts fehlt genau dieser Schwarm an Menschen. Der Screenshot steht für sich, ohne Kontext, und wirkt dadurch oft dringlicher, als er ist.

Am Morgen holt die reguläre Berichterstattung die Lücke meist auf. Der Schaden ist da schon angerichtet: geteilte Panik, verunsicherte Angehörige, Zeit, die niemand zurückbekommt.

Wie das typischerweise abläuft

Kurz nach Mitternacht taucht eine Meldung auf einem Telegram-Kanal auf. Keine Behörde erreichbar, keine zweite Quelle, keine Redaktion, die um diese Zeit gegenprüft. Bis die ersten Redaktionen am Morgen die Arbeit aufnehmen, hat sich die Meldung über mehrere Plattformen verbreitet, unverändert, ungeprüft. Erst dann beginnt die Einordnung, die tagsüber innerhalb von Minuten passiert wäre.

Was du tun kannst

Erreicht dich nachts eine beunruhigende Meldung: wenn möglich, nicht sofort reagieren. Bis zum Morgen warten, wenn Redaktionen und offizielle Stellen wieder erreichbar sind. Schwer, wenn der Ort am Herzen liegt. Genau dann lohnt es sich besonders.

Zwei Gewohnheiten helfen mehr, als man denkt. Erstens: eine nachts angekommene Meldung im Kopf mit einem Vorbehalt versehen, noch nicht geprüft, noch nicht eingeordnet, statt sie sofort für bare Münze zu nehmen. Zweitens: vor dem eigenen Weiterleiten kurz warten und schauen, ob am Morgen noch dieselbe Dringlichkeit besteht. Oft relativiert sich mit ein paar Stunden Abstand einiges von selbst.

Quellen

  1. correctiv.org: Tipps, wie du Falschmeldungen erkennst
  2. Bundesministerium des Innern: Tipps zum Erkennen von falschen und irreführenden Informationen
  3. NZZ: Kriegsführung mit anderen Mitteln. Wie Telegram zur Front wird
  4. MIT Sloan: Study, false news spreads faster than the truth

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